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Von der Platte in den Bundestag
Sören Pellmann gewann in Leipzig ein Direktmandat für die Linkspartei.

Sören Pellmann
Sören Pellmann

Der letzte Tag in der Grundschule im Leipziger Stadtteil Mockau ist nicht einfach. Bevor es nach Berlin zum ersten Treffen der frisch gewählten Bundestagsabgeordneten der LINKEN geht, will und muss sich Sören Pellmann noch von seiner Klasse verabschieden. »Es gibt Tränen von uns allen«, berichtet der 40-Jährige gegenüber »nd«. Und fügt lachend hinzu: »Offenbar habe ich als Lehrer nicht alles falsch gemacht.« Jeder der 27 Schüler bekommt einen roten Teddybären zum Abschied geschenkt - es ist das Maskottchen von Pellmann, von Kindern ausgesucht und von seiner Schwester Kaja entworfen. Für ihn, den wuchtigen Riesen mit Brille und verschmitztem Lächeln, gibt es dafür ein Plakat. »Beste Lehrer der Welt« steht darauf, darunter verschiedene Namen. Pellmann sorgt sich um seine Schüler, auch weil viele nicht aus Gewinnerfamilien kommen. »Rund 70 Prozent der Klasse sind von Armut betroffen, einige haben kein Frühstück dabei, andere keine Unterrichtsmaterialien.« Es könne nicht sein, dass in einem Land wie Deutschland Kinder hungrig im Klassenzimmer sitzen müssen, empört er sich.

Kurz darauf, im Auto auf dem Weg nach Berlin, lässt Pellmann die letzten Tage Revue passieren. »Meine Gefühle gingen hoch und runter.« Das knappe Ergebnis stand erst in der Nacht zum Montag fest: Mit rund 1000 Stimmen Vorsprung gewann »Pelli« das Direktmandat im Leipziger Süden gegen seinen CDU-Widersacher Thomas Feist. Es ist außerhalb Berlins das einzige Direktmandat der Linkspartei. Sie gewann damit - und das ist die kleine Sensation - in einem Bundesland, das seit der Wende von einer rechtskonversativen CDU geführt wurde und in dem sich nun die AfD als stärkste Kraft bei den Zweitstimmen durchgesetzt hat. »Leipzig ist rot«, kommentierte Pellmann noch in der Wahlnacht seinen Sieg und beflügelte damit den Mythos einer widerspenstigen links-liberalen Trutzburg inmitten eines immer weiter nach Rechts driftenden Landes. Die Gefahr dieser Erzählung ist jedoch, dass sie die Widersprüche und Kämpfe innerhalb Leipzigs überdeckt. Im südwestlichen Stadtteil Grünau, für den Pellmann im Stadtrat sitzt und der Teil seines Bundestagswahlkreises ist, wurde die AfD stärkste Kraft.

Das Plattenbauviertel Grünau, 1991: Knapp 80 rechtsradikale Jugendliche versuchen ein Flüchtlingsheim zu stürmen. Brandsätze fliegen gegen die Fenster, die Polizei kommt erst nach einer halben Stunde. Auch in den folgenden Jahren wird es kaum besser in dem Viertel, das vor der Wende als beliebt galt, und in dem sich nun die Mischung aus Armut, Überalterung und Enttäuschung immer häufiger in Rassismus äußert. Mitte der 1990er Jahre entwickelt sich der Jugendclub »Kirschberghaus« zu einem überregionalen Treffpunkt der Neonaziszene. Linke Jugendliche und Asylbewerber werden regelmäßig in der Nähe verprügelt. Sören Pellmann wohnt mit seiner Familie 400 Meter entfernt von dem Haus. »Das war eine national befreite Zone«, sagt Pellmann rückblickend. Seine Eltern bleiben trotz Arbeitslosigkeit überzeugte Antifaschisten. 1993 tritt der 16-Jährige der PDS bei. Auch während Zivildienst und Studium bleibt Pellmann dem Viertel verbunden, als Lokalpolitiker macht er sich einen Namen. 2009 zieht er für Grünau in den Stadtrat ein. 2013 wird er in seinem Wahlkreisbüro angegriffen, 2014 mit dem prozentual besten Ergebnis von Leipzig wiedergewählt.

»Der Sieg der AfD in Grünau war schon ein Tiefschlag«, sagt Pellmann. Er habe hier aber gelernt, sich auch schwierigen Auseinandersetzungen zu stellen. Noch vor Weihnachten soll es eine Bürgerumfrage geben. In einigen Bereichen könne der Politiker sich natürlich vorstellen, was an Unmut geäußert wird: »Öffentliche Sicherheit und Zuwanderung sind bestimmende Themen.« Er habe da jedoch eine klare Position: »Flüchtlinge sind eine Chance - man darf sie nicht gegen sozial Schwache ausspielen.« Pellmann weist gleichzeitig drauf hin, dass die LINKE ihre Kernthemen nicht aus den Augen verlieren darf. Das reiche aber nicht: »Wir müssen den Leuten erklären, dass sie, wenn sie die Schnauze voll haben, uns wählen können«. Eine der wichtigsten Lektionen stammt von seinem Vater: »Man darf kein abgehobenes Politikerdeutsch sprechen, hat er mir immer gesagt.«

Die Familie spielt für Pellmann eine besondere Rolle. Sein Großvater kämpfte im antifaschistischen Widerstand; sein Vater, der Historiker Dietmar Pellmann, war PDS-Vorsitzender von Leipzig und viele Jahre sächsischer Landespolitiker für die LINKE. 2017 verstarb er überraschend, noch bevor er seinem Sohn gratulieren konnte. Pellmann Senior hatte ihn bis zuletzt bei seiner Kampagne unterstützt. Der Leipziger Abgeordnete hält inne: »Das antifaschistische Bewusstsein habe ich von meinem Großvater, das soziale Gespür und politische Geschick von meinem Vater.« Pellmanns erste Worte im Internet nach der Wahl: »Die Gedanken sind heute auch bei meinem Papa.«

In Berlin will sich Pellmann vor allem gegen Gentrifizierung und für soziale Gerechtigkeit einsetzen. In der Fraktion hofft er auf eine konstruktive Zusammenarbeit: »Ich will keine Grabenkämpfe, die Menschen wollen Antworten auf ihre Probleme.« Doch Berlin, das weiß Pellmann jetzt schon, wird eine endliche Phase. Maximal zwei Legislaturperioden wolle er Abgeordneter sein, falls man ihn erneut wählen werde. Den Stadtratsposten behält er, um Leipzig nicht aus den Augen zu verlieren. Seine Schulklasse wird es freuen.

Quelle Newsletter nd-online

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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